ISSUE 2 / INSIGHT / URSPRÜNGLICHE NACHRICHT ENDE

Es gibt nur ein Vergehen, sagt sie. Dass wir nicht fähig sind, uns von Licht zu
nähren.

Und dann ist jedes Vergehen möglich. Sie sitzt mit dem Rücken zur
Europapromenade auf einer Bank. Wir schreiben das Jahr 1942. Die Stadt-
parkstreicher streichen um ihre Bank, eingelullt in Lieder und voll
gelaufen mit Bier und billigem Rosé.
Der Himmel liegt in Schichten. Sie hält ihr Gesicht den Bergen zu, die nur wieder eine weitere Schicht sind – ein allzu schönes Gesicht.
Ihre Schulterblattflügel spannt sie, lässt sie die Rückenlehne hinab gleiten, wie
die Fischer am Abend im Hafen unten die Netze auslegen zum Trocknen und darin verhangen noch einzelne Fische, Teile von Fischen, die Schwanzflosse eines
Barsch, eine Bauchseite mit Schuppen, Geräte.
Mit ihrem ganzen, gleichmässig verteilten Gewicht lehnt sie an der Bank. Der Fluss,
bevor er im Meer mündet, ist die letzte Schicht in ihrem Blick. Platanen säumen
die Promenade, recken ihre wütend gestutzten Köpfe aus den Stämmen, johlen ihr
– der Ausgefahrenen – mehrmündig und stumm fuchtelnd entgegen. Das Liedder
Taugenichtse, singen sie, begleitet vom besoffenen Streicherquartett.

Sie weiss, das Leben ist eine offene Klinge, sie hat sich selber ausgefahren. Mit
dem Fahrrad durch die Stadt auf den Hügel in den Park, dorthin, wo am
Abend die Sonne am längsten noch scheint. Es geht jetzt gegen den Abend, die
Sonne hält sich nur knapp noch über der Kante, die Streicher sind bis über
den Rand hinaus voll. Sie hört sie in ihrem Rücken plärren, zieht ihren Mantel aus,
darunter ein Kleid.

Sie trägt ein Kleid aus Fell, Federn und mit Muscheln behangen. Sie ist weit mehr
als das Kleid und zugleich ist sie viel weniger.
Die Natur der Dinge ist den Dingen eingeschrieben, sagt sie. So begreift sie den
Gehorsam. Und so ist ihr Gesicht. Blank und schön. Der Lichtreflex einer offenen
Schneide geworfen an die Parkmauer. Wir schreiben das Jahr 1942.
Es gibt zwei für jeden Rationalismus unreduzierbare Dinge, sagt sie.
Und hier muss man beginnen.
Sie sitzt in einer Dachkammer in Marseille oder vielleicht ist es bereits das Schiff,
das sie nach Casablanca bringen wird. Auf jeden Fall ist es ein nackter Raum,
in dem sie mit Mantel, Mütze und Handschuhen bekleidet schreibt. Wie eine
Orthodoxe. Der Mantel, die Mütze, die Handschuhe sind ihr Fell, Federn, Muscheln. Wir schreiben das Jahr 1942. Simone Weil ist verletzt wie ein Tier, auf einer
Flucht, zu der die Eltern die Dreiunddreissig jährige gedrängt haben. Widerwillig
verlässt sie Frankreich und ihren Widerstand. Bereits im November desselben
Jahres aber kehrt sie nach Europa zurück, genauer nach England, und tritt dort der
France libre bei, um die Neuordnung Frankreichs nach dem Krieg vorzubereiten.
In ihrer Hartnäckigkeit ist sie unbeirrbar. Sie schneidet durch alles, sie singt.
Sie singt mit den Arbeitern in den Fabriken mit, das Lied von der Freiheit. Es ist
gefährlich.
Sie ist trunken von ihm, der sie gebrannt hat wie eben ein Tier. Zutiefst verwundet
ist sie, beinahe durchsichtig geworden, und so scheint er durch sie hindurch. Es ist
sein Licht, das sie hervorbringt…

text: Jeanette Hunziker

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